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Bob Dorough


Bob Dorough (piano, voc); Michael Hornstein (alto-sax); Rocky Knauer (bass)

 

"Bob Dorough wird dieses Jahr 92! Er hat die ganze Geschichte des Jazz hautnah miterlebt: Geboren 1923 in Arkansas im tiefsten Süden der USA kam er schon in den 40er Jahren nach New York, erlebte Bebop aus erster Hand, spielte Gigs mit Charlie Parker, entwickelte einen einzigartigen Gesangs- und Kompositionsstil, war musikalischer Direktor des Boxers Sugar Ray Robinson, arbeitete sogar mit Miles Davis in den 60er Jahren, produzierte Hippiebands und wurde mit ausgeflippten Kindersendungen (Schoolhouse Rock) in den 70er und 80er Jahren einem breiten Publikum in den USA bekannt.

 

Nachdem ich mit 14 in den 70er Jahren bei Freunden Charlie Parker gehört hatte, wollte ich nur noch eins: Jazzmusiker sein! Damals war Jazz in Deutschland komplett out. Es gab kaum Clubs, geschweige denn Ausbildungswege oder irgendeine Infrastruktur für Jazz. Irgendwann erfuhr ich, dass die Schwester meiner Patentante nach dem zweiten Weltkrieg nach USA gegangen war und dort mit dem Jazzmusiker Bob Dorough verheiratet war. Ich schrieb ihm einen Brief, in dem ich mich beschrieb, wie sehr ich auf Jazz stehe und dass ich Kenny Dorham mag und so weiter und so fort. Das war 1981 und Bob schrieb mir einen sehr netten lässigen Brief zurück und lud mich zu sich nach USA ein, einfach so! Ich war völlig erstaunt über dieses Zeichen aus einer anderen Welt.

 

Es war die Zeit ohne Internet, also hatte ich keine Ahnung, wer mich da eingeladen hatte. Ich war zwar schon viel in Europa gereist, aber ein Trip in die USA war damals noch etwas ganz Besonderes. Ich kam im September am JFK Flughafen in New York an und Bob war nicht da. Bob kam, wie es sich damals noch für einen Jazzmusiker gehörte, gewaltig zu spät. Er sah völlig anders aus, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Ich hatte einen eleganten Hipster im Anzug erwartet. So wie ich Jazzmusiker von Plattencovern kannte. Aber es kam ein Hippie mit Pferdeschwanz und fast zerrissenen Klamotten. Wir fuhren durch das damals ziemlich verslumte New York über New Jersey zu seinem Haus auf dem Land in Mount Bethel. Die Schwester meiner Patentante, Corinne, war Tänzerin im New York der 40er Jahre. Beide waren so herzlich, wie ich es noch nie vorher erlebt hatte. Es war immer was los, Bob und ich spielten fast jeden Tag zusammen in seinem Living Room. Im nach hinein verstehe ich, wie unglaublich geduldig er mit mir war. In der Nähe lebte Phil Woods, ein weltbekannter Saxophonist und viele andere Jazzmusiker. Phil ließ mich sogar auf seinem Saxophon spielen, so etwas wäre heute undenkbar. Phil ermunterte mich: “You are the hope of the world”. Immer wieder sind wir nach New York und Bob stellte mich all meinen Idolen vor, Leute die ich nur von Platten kannte: Art Blakey, der mich mit seinen blutunterlaufenen Augen zutiefst beeindruckte, Max Gordon, der Besitzer des Village Vanguards, der da, wo man normalerweise die Nase im Gesicht hat, nur noch ein Loch mit Pflaster drüber hatte. Oder ein sehr schüchterner Keith Jarrett, der damals am Anfang seiner Karriere stand. Und Ornette Coleman im knallbunten Anzug. Es war wie als ob ich eine Traumwelt betreten würde: Schattenwesen, die ich nur von Schallplatten her kannte, wurden zu Fleisch und Blut. Zu dieser Zeit lebten noch so viele Jazzmusiker der ersten Generation in New York. Bob kannte sie alle, und sie alle kannten und schätzten ihn. Es war einfach unglaublich für mich. Nach sechs Wochen fuhr ich zurück. Zum Abschied fragte ich Bob, was ich machen müßte, um in New York bleiben zu können, und er meinte “... more, more of everything... ”. Er hatte Recht.

 

So ab 1985 gab es in München das Nachtcafe, ein großes Lokal in dem Bands noch Monatsengagement bekamen. Ich konnte den Chef, Wolfi Kornemann, überzeugen es mit Bob zu versuchen. Bob kam und Kornemann hat es so gut gefallen, dass wir über die Jahre immer wieder dort monatelang gespielt haben. Wir begannen um 12 Uhr nachts und der Job endete um 6 Uhr morgens. 7 Tage die Woche. Nach einigen Tagen hatte man seinen Rhythmus komplett umgedreht: Wir lebten nachts und schliefen tagsüber. Ich lief durch die verschiedensten musikalischen Phasen zu dieser Zeit und so kamen wir zu den verrücktesten Repertoires: Von Free Jazz - ich stand damals sehr auf Ornette Coleman - über Beatles Songs bis hin zu Bebob und Monk. Wieder war Bob sehr geduldig, erst heute verstehe ich wie geduldig. Er unterstützte mich bedingungslos. Wir experimentierten mit verschiedenen Musikern, aber meist hatten Bob und ich jeder jeweils seinen wichtigsten Kollegen dabei: Bob den Mainstream Bassisten Bill Takas, und ich den Freejazz Drummer Fred Braceful. Was für eine krude verrückte Mischung. Ein wahnsinniges Quartett. So spielten wir auch in der Nacht, als die Mauer in Deutschland fiel und gefühlte tausend Nächte vorher und nachher. Anfang der 90er Jahre lief das Nachtcafe für uns aus, Fred starb 1995 an Leberkrebs, Takas erlag Anfang der 2000er Jahre in NY einem Schlaganfall. Mitte der 90er Jahre nahm ich in New York eine Jazzplatte mit Gary Peacock auf, Bob hatte mir geholfen mir den Kontakt herzustellen und er singt auch auf einem Stück auf dieser CD: Innocent Green. Und alles was circa 2000 passiert ist, kann man ja im Internet nachlesen..."

 

Michael Hornstein

 

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