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Avantgardisten des Mangels

Am 29. Juni 2006 erschien in der Wochenzeitung DIE ZEIT ein Artikel über die finanzperspektivischen Aspekte des freischaffenden Künstlertums in unserer Kulturnation, der uns so wichtig erschien, dass wir ihn hier – mit freundlicher Genehmigung des Verlags – in vollem Umfang (sozusagen nachdrücklich) nachdrucken:

 


Die Armut der freien Künstler

von Jörg Lau

 

Ein Gemälde des Leipziger Malers Neo Rauch erzielte letzte Woche bei Sotheby’s einen Rekordpreis von 663 450 Euro. In derselben Woche wurde bekannt, dass das Durchschnittseinkommen der deutschen Künstler 10 814 Euro beträgt –

im Jahr, nicht im Monat. Ein einziges Bild von Neo Rauch ist also 61mal so viel wert wie das Jahreseinkommen eines typischen Kollegen. Sein Bild „Losung“ bringe „Unbehagen und Desillusion“ zum Ausdruck, heißt es im Katalog.

 

Unbehagen und Desillusion wären bei vielen Künstlern nur allzu verständlich. Nach den jüngsten Zahlen der Künstlersozialkasse sind ihre Einkommen 2004 abermals im Schnitt um

3 Prozent geschrumpft. In keiner Branche ist das Einkommensgefälle so brutal, kaum irgendwo wird so viel outgesourct wie in den künstlerischen Berufen. Gibt es Ungerechteres als die Welt der Kunst, in der krasseste Ungleichheit allein auf Talent, Geschmack, Glück und Mode gründet?

 

Doch die Künstler klagen eben nicht. Eine neue Studie des Deutschen Kulturrats über Selbständige Künstler zwischen brotloser Kunst und freiem Unternehmertum erlaubt einen Einblick in den lauen Alltag der freien Musiker, Literaten, Schauspieler und Maler. Bis zu

80 Prozent der selbständigen Künstler können allein von der Kunst nicht leben. Ohne Zweitjob und Partnereinkommen kämen die meisten nicht zurecht.

Die knapp 320 000 freien Künstler, heißt es in der Studie, seien die „Modernisierungsavant-garde“. Anders gesagt: Die Kitschfigur des armen Dachstubenpoeten hat sich in den prekären Ich-Unternehmer verwandelt. So wie die Künstler werden in Zukunft viele leben müssen. Sie sind hoch gebildet und unterbezahlt, flexibel und durchhaltefähig, und sie basteln sich ihre Erwerbsbiografie um einen zentralen Wert herum – die Freiheit des Ausdrucks und der Lebensführung.

 

Umso verrückter, dass man ausgerechnet ihnen im Zeichen von Hartz IV das Leben beson-ders schwer macht – wie in einem ersten Hearing herauskam, das die grüne Kulturpolitikerin Katrin Göring-Eckardt diese Woche veranstaltet hat. Freie Künstler werden durch die Hartz-Regelungen aus ihren Ateliers gedrängt und in sinnlose Fördermaßnahmen gepackt. Man nimmt ihnen die Rücklagen und reicht sie gnadenlos ins Alg II hinunter – weil ein Künstler mit Auftragsflaute für die meisten Berater der Arbeitsagentur einfach ein Langzeitarbeitsloser wie jeder andere ist.

 

Nicht nur die Berater, wir alle wissen zu wenig vom Leben und Überleben der Künstler.

Wir sollten genauer hinschauen: Künstler sind Avantgarde im Umgang mit Knappheit und Unsicherheit. Wir werden von ihnen lernen müssen.