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Guido May

Vielst(sic!)seitiger Schlagzeuger aus München mit Stand- und Spielbein ist in fast allen Stilen. Seine Trommelkünste verhalfen ihm bereits zu Konzerten und Tourneen mit grössten Grössen der internationalen Jazz-, Funk- und FusionSzene. Aber abheben tut er nur in seinen Flugzeug-Geschichten ... Credits:

Pee Wee Ellis „Assembly“,

Martin Scales „Conspiracy“, Biboul Darouiche’s „Soleil Bantu“, Peter Fessler „Fes.peranto“, „Café du sport“, Guido May 4tet,

 


Der Weg ist das Ziel – ist er?

Einmal Sardinien - Kopenhagen und zurück!

 

Ab und zu kann es ja durchaus vorkommen, dass Termine kollidieren. In diesem Fall ein Familienurlaub und ein Konzert mit der James Brown-Legende Pee Wee Ellis beim renommierten Jazzfestival Kopenhagen.

 

Kaum hatten wir den Zeitraum unseres Urlaubs festgelegt, kam auch schon die Option für ein Konzert beim oben genannten Festival via Mail hereingeschneit. Natürlich musste ich zusagen. Der Hinweis, dass ich eigentlich mit meiner Familie im Urlaub bin, wurde durch die Reisekostenübernahme ins Positive verkehrt. Wunderbar, dachte ich mir: gute Musik, gutes Festival, gute Stadt und obendrein auch noch der Tag des WM-Endspiels, das, wie ich aus dem Programm ersehen konnte, direkt vor unserem Konzert im selben Raum auf Großleinwand übertragen werden sollte ... Was will man mehr?

 

Das Ferienhaus liegt malerisch in den Bergen, erreichbar nur über einen fast schon alpinen Schotterweg, der sämtliche Autofahrkünste abverlangt. Um neun geht mein Flieger von Olbia nach München. Also den Wecker um halb sieben gestellt. Während die Kinder noch schlafen, trinken Nina und ich noch etwas zerknittert unseren Kaffee auf der Terrasse. Da schweift mein Blick in Richtung Auto und ich sehe mit Entsetzen einen platten Reifen.

Jetzt muss alles ganz schnell gehen. Reifen gewechselt habe ich schon öfter, also kein Problem. Kofferraum auf: ein guter Ersatzreifen! Doch wo ist der Wagenheber? Auto komplett durchsucht – kein Wagenheber! Ein Taxi findet niemals den Weg zum Haus, geschweige denn in so kurzer Zeit. Der Weg zur nächsten Hauptstraße ist zu Fuß viel zu weit. In Millisekunden gehen mir alle Helden der Wildnis durch den Kopf: Crocodile Dundee, Indiana Jones, McGyver ... Helden der Improvisation!

 

In Panik suche ich große Steine, um den Wagen rechts und links vom Hinterrad aufzubocken. Als Nächstes brauche ich Werkzeug, um den felsigen Boden auszuheben. Doch außer Küchenutensilien ist nichts zu finden. Also bleiben nur der Wasserschlauch, ein großer Messerschleifer und die eigenen Hände. Das Wasser lockert den Boden. Ich versuche mit bloßen Händen unter den Reifen zu kommen. In Sekunden bin ich voller Schlamm, und während ich wie wild gegen die Uhr angrabe, hat Nina noch die Nerven, das Ganze zu filmen,

da – Originalkommentar – uns das sonst zuhause keiner glaubt. So bewaffnet buddle ich den Reifen Zentimeter für Zentimeter aus und nach einer halben Stunde senkt sich langsam die Federung. Nach einer weiteren Viertelstunde ist der Reifen frei und ich kann den Ersatzreifen montieren. Acht. Das Flugzeug geht um neun. Hoffnung!

 

Den Schlamm und Sand schiebe ich wieder in die Mulde, doch das Auto sitzt natürlich auf den beiden Steinen auf. Also weiter graben. Jetzt sind auch die Kinder wach und beäugen das Spektakel. Während meine Frau die Kinder versorgt und mir die Zeit durchgibt, kriege ich die beiden Steine mit letzter Kraft frei. Viertel nach acht. Familie ins Auto und los geht’s. Ein Walter Röhrl hätte den steinigen Weg zur Hauptstrasse nicht besser fahren können. Jetzt erst merke ich, dass meine Hände voller Blasen und offener Fingerkuppen sind. Egal. In italienischem Fahrstil erreichen wir genau zehn Minuten vor Abflug den Flughafen Olbia. Alle Schalter schon geschlossen, also ohne Boarding-Pass durch die Sicherheitskontrolle. Nur mit der Bestätigung der Internetbuchung in der Hand versuche ich den Zollbeamten zu überzeugen, mich doch bitte zum Terminal durchzulassen. Doch er zeigt erst mal auf meine Beckentasche und dass er da gerne einen Blick hineinwerfen wolle.

 

Der neben ihm stehende Polizist sieht meine Not und mischt sich in gutem Englisch in das Wortgefecht ein. Ihm erkläre ich, dass ich in acht Minuten im Flugzeug sitzen muss, da ich ein sehr wichtiges Konzert ... „Okay, you come with me!“ Als wir Richtung Gate laufen, kommt uns eine Stewardess der Lufthansa entgegen, die der Polizist wohl kennt und der er in bestem Italienisch alles erklärt. Zusammen erreichen wir den Gate, doch auch hier ist niemand mehr von der Fluggesellschaft. Boarding completed! scheint es in gelben Lettern über mir. Die Stewardess gibt alles und telefoniert zwei-, dreimal und ..: „Mr. May, you are a lucky man!“

 

Während ich dem Polizisten um den Hals falle und mich tausendmal bei beiden bedanke, fährt der Bus vor. Jetzt gebe ich erst mal der Familie das kleine Wunder durch. Überglücklich, wenn auch mit zerschundenen Händen, geht’s ab in Richtung Kopenhagen. Die Stewardessen reichen mir gleich mal ein paar Pflastersets und auf die Frage, was ich denn mit meinen Händen gemacht hätte, antworte ich: „Das wollen Sie besser nicht wissen!“

Kopenhagen war wunderbar, das Endspiel war spannend, und da ich ja gerade Fast-Italiener war, ging auch der Weltmeister in Ordnung. Das Konzert war ebenfalls fantastisch. Jeder Trommelschlag war wunderbar zu spüren, und der weitere Verlauf des Abends endete im Morgengrauen mit Drummer-Kollege Victor Lewis in der Hotelbar, was auch nichts ausmachte, denn der Rückflug ging bereits um sieben Uhr in der Früh. Helden brauchen keinen Schlaf!

 

Ach ja: am Ende des Urlaubs habe ich den platten Reifen wieder zurück ins Auto geladen und da entdeckte ich ihn, gut versteckt unterhalb der Stoßstange: einen schönen, großen Wagenh...