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Sylke Merbold

Stellvertretende Leiterin des Bayerischen Jazzinstituts,

Webmistress von bayernjazz.de. Jazzmusikalisch Werktätige

mit abgeschlossenem Germanistik- und Amerikanistik-Studium. Colorado-gefärbtes

(Kultur-)Leben mit monumentalen Einflüssen von Richard Weize und Richard Wiedamann. Texterin mit ausgeprägter Schreib- und Konzipierlust, brennt für den Jazz in all seinen Farben und Formen. Motto: Geist statt Geiz!

Bayerisches Jazzinstitut

 


Jazz ist nicht nur eine Musikrichtung, er ist eine Haltung, eine Lebenseinstellung. Das ist die Philosophie, die unsere Arbeit im Bayerischen Jazzinstitut prägt – und es ist eine Überzeugung, der ich als „jazzmusikalisch Werktätige” – um einen Begriff aus dem JIMpaper zu benutzen – auch bei der Mitgliederversammlung der Jazzmusiker Initiative München e.V. begegnen durfte. Die Geschichten aus dem Jazzerleben machten anschaulich deutlich: wer sich zum Jazz bekennt, und diesen auch noch jenseits der ,bloßen’ Musik vertreten will, braucht viel Humor – oft auch Galgenhumor:

 

Ein Jazzmusiker hat eine Million Euro in einer Fernsehsendung gewonnen. Der begeisterte Moderator fragt ihn: „Und, was machen Sie jetzt mit dem Geldsegen?” Lakonische Antwort: „Weiterspielen, bis das Geld weg ist.”

 

Nur wenige Jazzmusiker können von ihrer Musik leben, reich im monetären Sinn sind noch viel weniger. Für die meisten ist Spielen die Haupt-, Geld eine notwendige und – wenn vorhanden – auch recht angenehme Nebensache. Als ich beim Treffen der Jazzmusiker Initiative München von der Philosophie des Bayerischen Jazzweekends erzählte, reagierten die Musiker sensibel, hellhörig. Hier traf ich auf verwandte idealistische Geister, die aber – wie wir – leider bei Entscheidungsträgern allzu oft auf taube Ohren stoßen:

 

Ein Jazzgitarrist gönnt sich nach einer stressigen Tournee eine Auszeit. Bei einer Safari-Tour beginnt sein Jeep zu streiken, gerade eben so erreicht er eine menschenleere Oase. Am Lagerfeuer improvisiert er noch einige Zeit vor sich hin, doch dann dämmert er ein. Als der Musiker morgens erwacht, umkreisen einige hungrige Löwen seinen Lagerplatz – und es werden immer mehr. Verzweifelt greift der Musiker zur Gitarre und spielt eine wunderschöne Melodie nach der anderen. Es wirkt: Die Löwen legen sich hin, dösen und lauschen den fremden Klängen. Dann aber kommt ein Löwe, der zielstrebig auf den Spieler zutrabt und ihn ohne zu zögern frisst. Oben in der Palme meint ein Affe zum anderen: „Ich hab’s Dir doch gesagt, wenn der Taube kommt, ist der Spaß vorbei ...“

 

Ob Gitarre, Klavier, Banjo, Orgel oder Cello, so heimelig oder exotisch der Jazz auch manchmal daher kommt, die mit seiner Hilfe erzählten Geschichten verbinden die Menschen dank ihrer Glaubwürdigkeit über alle Sprach-, Alters- und Gesellschaftsgrenzen hinweg. Die interessantesten musikalischen Erzählungen schöpfen aus der reichen Historie, ohne ins „Es war einmal…“ abzugleiten, denn die sind fest im Hier und Jetzt verwurzelt – selbst wenn die Realität bisweilen hart zuschlägt:

 

Zwei junge Münchnerinnen, die eine studiert Klavier am Konservatorium, die andere BWL, schlendern im Sommer an der Isar entlang. Plötzlich springt ein verwunschener Frosch auf den Weg und quakt: „Küsst mich, ich bin ein verzauberter Jazzmusiker.“

Die Pianistin bekommt einen ganz verträumten Blick, beugt sich zu ihm hinab, hebt ihn auf die Handfläche und führt ihn zum Mund… Im letzten Moment entreißt die BWL-Studentin ihr den Frosch und meint entrüstet: „Spinnst Du, weißt Du, was ich als Eventmanagerin mit einem sprechenden Frosch verdienen kann?“

 

Doch manchmal werden im Jazz sogar Märchen wahr. Beim Jazzfest München sind es keine Geschäftemacher, sondern Musiker, die es sich zum Ziel machen, die Münchner Szene mit einem Festival wach zu küssen, um damit das Publikum zu verzaubern. Der Verein verlangt allen Beteiligten ein hohes Maß an Solidarität ab, und so gelingt es, die künstlerische Freiheit des Einzelnen mit der Solidarität der Gemeinschaft und einem hohen Qualitätsbewusstsein in Einklang zu bringen. Was keinesfalls eine Selbstverständlichkeit ist:

 

Ein Jazzmusiker kommt in den Himmel. Noch leicht benommen sieht er sich um: Fast alle der Großen sind schon da. Doch wie im Paradies sieht es nicht aus. Griesgrämige Gesichter, gedämpfte Unterhaltungen. Verwundert wendet er sich an einen Umstehenden und fragt nach dem Grund. „Sie sind alle genervt, weil gleich die Jam Session anfängt.“ Der Neuling ist geplättet: „Genervt? Du machst Witze. Die größten Jazzmusiker aller Zeiten können gemeinsam spielen, und sind genervt?“ „Du bist ein Neuankömmling, oder? Du hast noch nicht einmal die üblen Nachrichten gehört.“ „Üble Nachrichten? Im Paradies? Was kann uns hier schon noch passieren?“ Der Oldtimer seufzt betrübt: „Gott hat eine neue Freundin – und die singt.“

 

Die Freude an der Live-Musik und der Leistung der Musiker steht im Mittelpunkt des Jazzfests München – gedankenlose „Events“ überlässt man anderen. Was der bayerische Kultusminister Siegfried Schneider im letzten Jahr in einem Grußwort an das Bayerische Jazzinstitut schrieb, gilt auch für die Jazzmusiker in München und alle, die unsere Musik ernst nehmen: „Wie keine andere Musikart setzt er [der Jazz] auf die Individualität, Kreativität und Spontaneität des Musikers – auf die Improvisation. Und dennoch verlangt er dem einzelnen Musiker ab, dass er sich mit seinem Musikbeitrag in das Ganze einordnet und nicht nur auf eigene Rechnung spielt. Das verlangt ein hohes Maß an persönlichen und sozialen Kompetenzen wie Verantwortungsgefühl, Sensibilität, Disziplin und Rücksichtnahme. Es verlangt vor allem auch Gemeinschaftssinn.“ Der Balanceakt zwischen Individualität und Bandsolidarität ist eine enorme Herausforderung, der sich die Musiker jeden Tag aufs Neue stellen:

 

Ein Bandleader geht, um sich von einem besonders anstrengenden Gig zu erholen, im Wald spazieren. Er verirrt sich völlig, und sinkt an einem großen Baum nieder, um sich auszuruhen. Da bemerkt er einen Hohlraum, und darin ein Tongefäß. Neugierig nimmt er das Gefäß an sich, öffnet es, und es entweicht ein Geist: „Jahrhunderde war i hier drenn gfanga, i dank D'r für mei Freihaid, Du hosch oin Wunsch frei.“ Der Jazzmusiker zögert kurz: „Einen Wunsch? Ich denk, das sind immer drei?“ Darauf der Geist: „Säh i aus wie a Flaschageischd? Ich bin a Schwob. Oin Wunsch, mehr nedd.“ Der Jazzmusiker nach kurzem Nachdenken: „O.K. – Ich möchte Weltfrieden.“ Der Geist ist entsetzt: „Weldfriede? Des isch jo irre. Koi Ahnung, ob i des druff han. Felld D'r nedd vielleichd äbbes wenigr Komblexes ai?“ Wieder verfällt der Musiker in kurzes Schweigen: „Na gut, dann will ich, dass meine Big Band perfekt harmoniert, rhythmisch immer auf einer Wellenlänge ist und die Jungs und Mädels immer die richtigen Töne treffen.“ Entgeistert starrt ihn die schwäbische Spukgestalt an: „Lasses mi erschd mol mid dem Weldfriede brobiera.“

 

Was aber wäre der Jazz ohne den Wunsch nach dem scheinbar Unmöglichen? Nicht um-sonst spricht man davon, dass eine Band in den besonderen Glücksmomenten ihrer Arbeit ,abhebt’. Die Schwerelosigkeit, die intensives Zuhören, vorbehaltloses Aufeinanderzugehen und eine wirklich geglückte Kommunikation vermitteln, schlägt Aktive wie Publikum in ihren Bann und macht süchtig nach mehr. Doch die Tücken des Alltags holen alle schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Ein Phänomen, dem es mit Humor zu begegnen gilt:

 

Ein Schlagzeuger macht sich von Berlin auf den Weg zum Jazzfest München. Er kommt mit vollem Gepäck zum Flugschalter, um einzuchecken, stellt seine Utensilien auf das Förderband, reicht der Stewardess sein Ticket und sagt: „Ich fliege nach München. Die große Trommel schicken Sie bitte nach Boston, die zwei kleinen nach Hamburg und den Koffer bitteschön nach London.“ Die Stewardess, verwirrt: „So was können wir nicht machen.“ „Wieso nicht? Vor drei Wochen haben Sie es doch auch geschafft!“

 

Wir vom Bayerischen Jazzinstitut wünschen den Aktiven der Jazzmusikerinitiative München auch in Zukunft viel Humor, freundliche Worte, anerkennendes Schulterklopfen, aufmerksame Ohren und vor allem so manches glückliche Lächeln. Ob Veranstalter, Unterstützer, Musiker, Sponsoren oder Publikum, mit einer netten Geste oder einer positiven Reaktion kann wirklich jeder vom 19. bis zum 22. Oktober zu einem tragenden Teil des Ganzen werden – denn: wir alle sind Jazz!