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Leidiges Thema GEMA

Das ewige Kreuz - die wachsende Wut - der heilige Zorn

 


Ein Aufruf zum Widerstand von Jörn Pfennig

Ich lebe derzeit hauptsächlich in einer kleinen oberbayerischen Stadt. Wenn dort alle paar Monate per Postwurf eine Broschüre im Kasten landet, die uns normale Bürger über den Stand der Dinge in der Gemeinde informieren soll, dann ist ein Slalomlauf um das Konterfei des Bürgermeisters nicht zu schaffen. Zu dicht. Kein Durchkommen. Da isser, dort isser und mittendrin isser auch noch.

Da ich nicht nur normaler Bürger eines Provinzstädtchens bin, sondern auch norma-les Mitglied der GEMA, gerate ich gleich noch ein paar mal mehr im Jahr in dieses Slalom-Dilemma. Jedes Mal, wenn ich mich durch die GEMA-Nachrichten blättere, ist das Phänomen wieder da: kaum eine Seite ohne Foto vom Großen Vorsitzenden. Früher war's Professor Erich Schulze. Nach ihm ist jetzt Professor Reinhold Kreile dran, als Wirtschaftsjurist und CSU-Politiker für uns Jazzmusiker sicher die Vertrauensperson schlechthin. Nach ihm - das kennt man aus Thronfolge-Ritualen der Alt- und Neuzeit - wird dann Professor Christian Bruhn dran sein, derzeitiger GEMA-Aufsichtsratsvorsitzender und ausgewiesener Kommerzmusikant. Es wimmelt nur so von Professoren in dieser ehrenwerten Gesellschaft. Und es ist ein besonderes Vergnügen, sie in für deutsche Professoren eher atypischen Ersten Reihen sitzen zu sehen. Zum Beispiel bei einer kürzlichen TV-Preisverleihung, wo sie strahlend den Bemühungen eines Hansi Hinterseers lauschten und begeistert klatschten. Stellt sich da dem Normalmitglied nicht die Frage, ob es sich dabei um einen besorgniserregenden Geschmacksverfall in der deutschen Professorenschaft handelt, oder ob da einfach irgendwie mitverdient wird? So viel zunächst zur Einstimmung auf mein Grundbefinden. Da mir dieses aber nun mal gegeben ist, befasse ich mich logischerweise auch mit anderen Seltsamkeiten der Institution GEMA, auf die so viele von uns schmerzlich angewiesen sind. Es gibt da z. B. den Dauerstreit um die unterschiedliche Bewertung von U- und E- Musik. Warum eine Kleine Nachtmusik nach wie vor für (geld)wertvoller eingestuft wird als ein `round midnight`, sollte uns immer Anlass bleiben, diesen Streit fortzuführen – dauerhaft, möglichst gemeinsam und verschärft!

 

Aber lassen wir das - zunächst. Ich will hier nur mal ein Detail des Systems anspre-chen, das sicher viele von uns immer wieder zu erleiden haben. In kalten wie in hei-ßen Kriegen gibt es das Kampfmittel Desinformation. Bei der GEMA geht das so: Seit einigen Jahren betreibe ich das Trio WAHNDREIECK. Dabei geht es, grob gera-stert, um Jazz und Lyrik. Das Programm ist also etwas strenger geordnet als eine frohgelaunte Jamsession. Da einerseits sämtliche Kompositionen und Texte von mir stammen, wir es andererseits logischerweise auch immer wieder mit GEMA-uner-fahrenen Veranstaltern wie Buchhandlungen, Literaturfestivals etc. zu tun haben, dachte ich mir: es muss doch etwas Einfacheres geben, als das Einreichen von GEMA-Listen seitens der Veranstalter, Listen, die ich ohnehin selbst erst einmal ausfüllen muss. Und siehe da: ich fand heraus, dass es möglich ist, den Veranstalter zu

entlasten, indem man als Musiker bzw. Komponist seine Auftritte im Quartals- oder Halbjahrespaket selber bei der GEMA meldet unter – versteht sich – Angabe der jeweils gespielten Titel, in meinem Fall also der immer gleichen. (Natürlich haben wir das Programm variiert, was aber verwaltungstechnisch irrelevant war, da es sich ja immer um denselben Autor handelte ...) Außer der Entlastung der Veranstalter hatte diese Methode den unschätzbaren Nebeneffekt, dass ich endlich einmal eindeutig überprüfen konnte, wie und was von der GEMA abgerechnet wird. Und da war Staunen angesagt: Obwohl alle Titel gleich oft aufgeführt worden waren und mit einer für Jazzmusik legitimen gleichen Zirka.-Dauer von sechs Minuten angemeldet waren, bekam ich für den einen Titel diesen, für den anderen jenen und für den nächsten den doppelten Betrag zugesprochen. Ich habe also schriftlich Bedenken angemeldet. Es erhob sich ein Schriftverkehr der grotesken Art mit vorgefertigten, nicht immer ganz passenden Briefen. Kafka grüßte aus der Behörde, bis man sich GEMAseits endlich entschuldigte und die Abrechnung berichtigte. Beim nächsten Mal wurde nichtsdestotrotz genau das gleiche Chaos fabriziert. Und so ging das zwei, drei Jahre weiter: Keine einzige der von mir kontrollierbaren Abrechnungen war korrekt.

O Gott, denkt man sich da, was wird uns 'urhebenden' Musikern angetan, die wir uns doch eigentlich auf die GEMA verlassen wollen/müssen? Irgendwann war ein Anruf in Berlin fällig. Da kam es mir dann entgegen – wirklich wahr: "O nein, nicht schon wieder Sie!" So schnell wird man zum Querulanten! Nachdem ich offenbar zum kritischen Fall geworden war, griff man in Berlin plötzlich lieber zum Telefon als zu irgendeinem Schreibinstrument. Vermutlich, um die Nachweisbarkeit des eigenen Unvermögens einzuschränken. Ich musste irgendwann darum bitten, dass man mir ebenso komplizierte wie windige Argumentationsketten nicht einfach telefonisch um die Ohren schlägt, sondern schriftlich zur Verdauung überlässt. Das dauerte dann ...

Schnitt. Unterdessen hat sich Mutter GEMA in Sachen öffentlicher Auftritte ein Abrechnungssystem einfallen lassen, das ihre Kinder nie und nimmer verstehen

werden. Zitat:

 

Der Programmanteil P gibt den Anteil der durch Programme

belegten Veranstaltungen an.

Der PRO-Faktor wird nach folgendem Rechengang ermittelt:

PRO-Faktor = MKZ x C x (1-P)+P

Wirkungsweise der Matrix-Kennzahl:

Faktor C 1998 = 1/58,82 = 0,0170

Faktor P 1998 = 1/7 = 0,1428 usw. usw.

Alles klar?

 

Wie gewonnen, so zerronnen, der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, und was einem da sonst noch so einfallen mag. Jedenfalls war mir die endlich er-langte Kontrolle über die mir zustehenden Tantiemen nach einer Serie von aufge-deckten krassen Fehlern plötzlich nicht mehr möglich. Da hat sich, meine ich, eine fraglos notwendige Institution zur Wahrung von Urheberrechten einerseits zu einer Behörde ausgewachsen, die den Bezug zum künstlerischen Teil ihrer Klientel offenbar völlig verloren hat. Andererseits riecht diese Institution immer fauliger nach einem hundskapitalistischen Konzern, wo die oberen Etagen heftig abgreifen, während die Basis auf satzungserzwungenen Jahresversammlungen im Nebensaal diskutieren darf und Glück zu empfinden hat bei den Zuwendungen, die die Behörde bzw. der Konzern ihr gnädigerweise – und selbstverständlich immer hochkorrekt ermittelt – zuteilt.

Ich beginne mich langsam vor meiner eigenen Wut und damit möglicherweise ver-bundenen schlimmsten Ausfällen zu fürchten. Deshalb zum Schluss noch zwei Auf-rufe der gemäßigten Art:

 

1.) Lasst euch/lassen wir uns nicht weiter für blöd verkaufen! Auch für die GEMA – welcher Musiker ahnt das schon – gibt es eine so genannte Aufsichtsbehörde: das Deutsche Patentamt in München. Das wäre in letzter Konsequenz anzugehen. - Aber davor sollten wir erst einmal den Obersten in der unteren Etage Feuer unterm Stuhl machen.

 

2.) Lasst euch/lassen wir uns etwas einfallen, wie wir die ausufernde Selbstherrlichkeit unserer Vorsitzer einschränken können. Ich selber bemühe z.B. das sanfte Mittel der Satire und übersetze das Kürzel GEMA folgendermaßen:

Ganovenschaft Eigennütziger Musik - Analphabeten

Vielleicht habt ihr ja ganz andere, viel viel schönere Übersetzungen parat. Gebt sie her - GEMMA, GEMMA!