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Gerhard Gschlößl

Ich finde es ist möglich, mit jeder Instrumentierung jede Art von Musik zu machen, vorausgesetzt, die Chemie stimmt.

 


von Karin S. Piechotta

Es kann (nicht) nur einen geben:

besterposaunistderwelt hat das Sousaphon für sich entdeckt

 

Mit durchaus seriösem Impetus frage ich meinen Interviewpartner nach dem Namen seiner Hompage. Der geneigte Leser will im Idealfall ja schließlich wissen, wo er die ihm im Folgenden schmackhaft gemachte Musik kaufen oder wenigstens probeweise hören kann. Mindestens ebenso ernsthaft kommt von Gerhard Gschlößl die Antwort: "Mich findet man unter www.besterposaunistderwelt.de." Einen irritierten Blick meinerseits kontert er grinsend mit ironischem Pragmatismus: "Okay, diese Adresse kriegen nur Leute, denen ich genügend Gespür fürs Hintersinnige zutraue. Den anderen gebe ich www.gerhardgschloessl.de" Meine Vermutung bestätigt sich: "Die kommen eh alle auf derselben Homepage raus!"

 

"Aber natürlich gibt es ihn nicht, den "besten" Posaunisten", lenkt Gschlößl ein, der sein Diplomstudium der Jazz-Posaune in Würzburg absolviert hat und 1997 das Kulturpreisstipendium der Stadt München erhielt. "In meiner Musikrichtung ist doch Individualität das Wichtigste. Ich find es viel geiler, wenn ich einen Musiker nach drei Tönen bereits erkennen kann, als wenn einer hochvirtuos keine Aussage macht."

 

Ich hab´s begriffen: Der Mann ist hauptberuflich und aus Haupt-Berufung Posaunist und arbeitet mit mehreren kleinen Ensembles aber auch mit der Earforce Big Band und dem Sunday Night Orchestra zusammen. Und doch taucht er auf Münchens Bühnen (und nicht nur dort) immer öfter mit – oder besser in – seinem mehr als 60 Jahre alten Sousaphon auf ("Man steht ja quasi im Sousaphon drin"). Das King H. N. White-Sousaphon in Es-Stimmung, Baujahr 1942 (4-ventilig) war bereits im vergangenen Jahr beim Jazzfest zu hören, als Gschlößl mit dem "Djaosch Macholi Orchester" auftrat.

 

Auf die Idee, das eher aus Dixieland oder Militärmusik bekannte Instrument (John Philip Sousa – Komponist von Märschen wie "Stars and Stripes" sowie zwei Operetten – entwickelte es, weil es so gut während des Marschierens gespielt werden kann!) im Modern Jazz einzusetzen, kam Gschlößl, nachdem er dem Bassisten Martin Zenker vor mehr als zehn Jahren ein ziemlich ramponiertes Sousaphon aus den Zwanziger Jahren abkaufte und es wieder herrichten ließ. "Damit habe ich die Herausforderung angenommen. Während ich mit der Posaune hauptsächlich als Solist agiere, sehe ich mich am Sousaphon mehr in der Bassistenfunktion. Dann bin ich mit oder ohne Schlagzeuger für einen ordentlichen Groove zuständig. Das erfordert dann allerdings mehr Luft." ...und birgt gewisse Risiken und Nebenwirkungen: "Bei meinen ersten Auftritten hatte ich atemmäßig schon mal leichte Ausfallerscheinungen, aber inzwischen habe ich meine Kondition verbessert." Das beruhigt einen als Zuhörer nun doch; zumal ein ohnmächtig in die erste Reihe sinkender Sousaphonist erheblichen Schaden an Mensch und (quasi) Maschine anrichten könnte.

 

Wie bereits erwähnt, ist der 35jährige in erster Linie Posaunist. Waren denn da nicht größere Umgewöhnungsprozesse vonnöten? "Vom Lippenansatz her gibt es keinen wesentlichen Unterschied. Das Sousaphon-Mundstück ist zwar größer, aber das ist nicht das Problem. Die Koordination mit den Ventilen war wesentlich schwieriger. Im Gegensatz zu vielen anderen Posaunisten hatte ich keinerlei Erfahrungen mit Bariton- oder Tenorhorn."

 

Hätte er die Herausforderung auch angenommen, wenn ihm von Zenker eine verbeulte Tuba angeboten worden wäre? Eher nein! "Die Tuba klingt dunkler und härter. Der Sousaphon-Ton ist weicher und direkter. Der Schallbecher ist nach vorne gerichtet und sorgt damit für einen präsenteren Bühnen-sound." Und dieser mächtig präsente Bühnensound wird von Gschlößl über die unterschiedlichsten Bandformationen transportiert:

 

Da gibt es seit drei Jahren den "Hot Klub". New Orleans-Funk mit fünf Bläsern, Schlagzeug und Gitarre. Hier improvisiert er grundtonbezogen und innerhalb der Baßfunktion gibt er mit dem Drummer die Richtung vor. Nach kurzem Meinungsaustausch über die ewigen Anglizismen in unserer Sprache schreibe ich auf Wunsch "Schlagzeuger", und wir einigen uns auf "Hot Klub" als "Rhythmusbeidemmanmitmuß-Kapelle."

 

Hatten seine Mitmusiker denn nie Probleme mit dem doch etwas artfremden Instrument und Gschlößls ganz eigener Spielweise? "Ich hab einfach immer drauflosgespielt, egal ob ein Bassist das so oder so machen würde. Ich hab immer meine Posaunenerfahrung eingebracht, und die Reaktionen meiner Mitspieler waren eigentlich stets positiv. Mein Ziel ist die Integration des Sousaphons in die moderne Stilistik der improvisierten Musik. Die konsequente Arbeit in den vergangenen drei Jahren bringt mich dem Idealzustand ziemlich nahe; nämlich auf dem Sousaphon so flexibel zu sein wie auf der Posaune.

 

Ganz ohne englische Anleihen kommt auch der Name seines Duos mit dem Trompeter Robert Alonso aus, das es seit Anfang des Jahres gibt. "Das GROSSE und das kleine" spielen Jazz-Standards auf ganz eigene Art und Weise... Ungefähr genauso lang existiert "Triophon" mit Rainer Sell (Computer) und Bastian Jütte am Schlagzeug. (Zitat von der Homepage: "Drei Musiker beschwören den geschlagenen Geist des Sousaphons im ertränkenden Leichtsinn des Mega-Hertz-Rausches"). Unter dem schönen Begriff Akktronik firmiert diese experimentelle Fusion aus Akustik und Elektronik.

 

Zu Trainings- (Verzeihung!) Übungszwecken jammed der gebürtige Niederbayer von Zeit zu Zeit mit verschiedenen Musikern auch im Englischen Garten. Wer sich nicht darauf verlassen will, zum richtigen Zeitpunkt in den Parkanlagen zu weilen, kann ja auf Hörbeispiele aus dem Internet zurückgreifen: www.besterposaunist... Sie wissen schon!