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Jörg Walser

ist Jazzpianist und Journalist.

 


Hören Sie Ihre innere Stimme, während Sie diese Zeilen lesen?

Sie hören? Dann ist ja gut. Aber wie steht es bei Ihnen ums Zuhören?

Zuhören zu können, so scheint es, wird mehr und mehr zur Kunst. Zur Begabung einer Minderheit, die sich glücklich schätzen kann, anderen einiges an Genussfähigkeit voraus zu haben. Das betrifft leider auch den Jazz. Jazz lebt vom Zuhören, mehr als viele andere Arten von Musik. Das gilt schon für die Künstler. Versteht sich das nicht von selbst? Muss denn nicht jeder Musiker seinen Mitmusikern zuhören? Mag sein. Den besonderen Reiz der improvisierten Musik aber macht es aus, gemeinsam mit den Klängen zu spielen – und das bedeutet im Idealfall:

miteinander zu kommunizieren.

Und wie sieht es nun mit dem Publikum aus? Sehen wir uns einmal um in den Münchner Jazzlokalitäten. Nehmen wir als Beispiele den bescheidensten Jazzclub der Stadt und ihren elitärsten: Mister B’s, der zur Jazzbar umfunktionierte Tante-Emma-Laden, und den Night Club im Bayerischen Hof mit seinem Fünf-Sterne-Ambiente. So unterschiedlich die Orte, so verschieden die dort auftretenden Künstler – so ähnlich bescheiden ist es doch häufig um die Zuhörfähigkeit der Gäste bestellt. Da muss nur einmal ein Bassist ein Solo wagen, schon degradiert ein Gros des Publikums die Musik zur Beigabe zum Dekor.

Klar, es geht auch anders – nehmen wir nur die Zuhörerschaft der Unterfahrt, die diesen Namen noch verdient. Trotzdem: Die Fähigkeit, hinhören zu können, wird mehr und mehr zur Minderheitenkunst. Und es sieht danach aus, als habe auch das Jazz-Publikum Lernbedarf, obwohl es als traditionell besonders aufmerksame Minderheit allgemein ein gutes Hörvermögen besitzt.

Weil aber ein zuhörschwacher Besucher eines Jazzkonzerts so viel von der Sache mitbekommt wie ein Blinder von einem Kinofilm, brauchen wir eine neue Hörkultur. Nachdem unsere überreizten Ohren den Weg unserer McDonaldisierten Zungen gehen, müssen wir uns unser Hörvermögen zurückerobern. Denn Jazz wird immer frei bleiben von den visuellen Reizen einer Popshow und geradezu lethargisch im Angesicht eines Videoclips. Profitieren vermag deshalb nur, wessen Ohr empfänglich ist für die Feinheit dieser Musik.

Nur wer zuhört, kann das Universum des Jazz wirklich entdecken.

Deshalb: Tun Sie sich den Gefallen das nächste Mal. Bleiben Sie mit Ihren Ohren am Ball.

Sogar während des Basssolos. Probieren Sie sich in der Kunst des Hörens.

Es gibt viel zu entdecken.

 

Jörg Walser