J.I.M.
Jazzfest 2019
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Michael Wüst

verabscheut Melkwettbewerbe, Topless Bull-Riding für Frauen und jede Form von Fundamentalismus. Behaglichkeiten wie organisierte Religion, die Ehe und andere metaphysische Altbauten sind ihm zuwider. Ansonsten ist er ein pazifistischer Radler und rettungslos in Frauen verliebt.


Der Neger Erwin lebt!

Der Jazz ist nicht tot, er riecht nur ein bisschen komisch (Frank Zappa)

 

Jazz, jawoll, er lebt und riecht noch nicht mal lustig. Hurra. Vowosstinktsndoso? Das erinnert mich an den wunderbaren Film von Achternbusch, wo er einen vier Meter langen zieharmo-nikamäßig gefalteten Neger aus dem Maul eine Nilpferdes zieht und mit der lakonischen Bemerkung bedenkt: Er lebt. Punkt. Überraschung? Fehlanzeige. Er lebt. Reicht zum Sterben!

 

Der Neger Erwin lebt und Jazz ist der Neger Erwin! Und er findet statt, obwohl die Stadtstrei-cher vom Rathaus die Förderung ja mehrfach geknickt hatten. Sie haben den Neger in die Seinsvergessenheit gefaltet. Und gestrichen. Weiß angestrichen und damit Zebrastreifen ausgebessert. Denn Solidarität mit Eichel muss sein! Solidarität mit Eichel ist einmal kurz mit dem Knie genickt und dann den Stiefel freigegeben.

 

"Jazz findet Stadt" – und dazu ein Erinnerungsfoto aus glücklicheren Zeiten. Das sahen wir doch schon bei Jörg Wontorra. Sat1 oder so. Dieses Foto, das er in die Kamera hält: "Stadt, bitte melde dich". Zuletzt gesehen an der Bushaltestelle Ecke …

 

Wir gründen deswegen jetzt eine SoKo Jazz und bieten im Zuge der Amtshilfe im Anti-Terror-Kampf an, die SMS-Datei der Landeskriminalämter zu nutzen, um für unsere Veranstaltung zu werben. Denn Jazz ist Terror-Prävention. Die Sozialprognose für muslimische Jazzkonsumenten, so genannte Bop-Athollas, Breakpiloten und MueZim Zoots ist die rückgrat-, äh besser rückhaltlose Anerkennung der FDGO. Dieses Four-Letter-Word ist weder eine Sauerei noch eine Krankheit oder eine Airline wie SARS, sondern die "Freiheitlich De-mokratische Grundordnung". So was Ähnliches wie Rhythm changes? Naja, mehr Time changes.

 

Und wozu diese SMSes alles taugen!!! Vom Seitensprung und Blind Date über Partyinfos bis zum Schutz vor Terror! Zum Schutz der inkontinenten Staatengemeinschaft! Pfui Deibel! Und wer schützt mich dann vor diesem Terror? Angefaxt und mit Elektropost zugeschissen, steh ich da und fühl mich niedergesimst. Bin heute irgendwie total niedergesimst. Stomped on the shore, bumped on the floor. Du, ich bin total angefaxt, heißt: stehend k.o. oder zumindest angezählt. Nein, bin total angefaxt heute. Fix und Faxy.

Dazu selbstverständlich Flyer, Folder, Postkarten und Plakate, Trailer und Jingles und Pringles. Ach ja: Zeitungen gibt´s ja auch noch. Aber die haben doch längst auch schon eine On-Line-Pflicht wie die Kampfhunde. Nein, ich sag´s Euch, passt bloß auf, dass die Terroristen diese Dateien nicht bekommen. Heute ist doch alles Veranstaltung! Dann wird das nächste Terror-Event eben auch noch beworben, allerdings immer hübsch kurz nach der Dead-Line. Stell dir vor, wie´s da klingelt in manchen Hochhäusern kurz vor dem Einschlag. Und die guten Leute meinen auch noch alle, es handelt sich um eine Gewinnwarnung! Gottes Willen. Zynismus meinerseits? Denk doch an Madrid, da haben die Rucksäcke mit den Bomben geklingelt, bevor´s gekracht hat. Abgehender Ruf Tod, sage ich nur.

 

Nein, ich weiß nicht, ich glaube wir lassen das mit der SoKo Jazz und dem ganzen Elektro, auch wenn man manchmal meinen könnte, so eine Ringfahndung Publikum wäre schon vonnöten. Und was willst du denn machen, wir leben in einer kommunikativen Treibjagd, überall schlagen sie mit ihren digitalen Schlaghölzern auf die Infobäume. Veranstaltung jagt Publikum. Musik sucht Ohr. Gut gebaute Pointe sucht Zwerchfell mit großem Hubraum.

Nein, Schluss mit dem Gesumms! Jazz findet. Was? Statt. Aber man muss ihn suchen. Statt was? Statt Infoschwemme, Eventspam und Kino am Pol.

Jazz lebt. Geknickt, gefaltet und gestrichen, aber er lebt!

 

Der Neger Erwin.