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Michael Wüst

Michael Wüst

Langzeitintensivstudierender am Saxophon und JIM-VorstandVerstärker (u.a. zuständig für die Presse). Macht derzeit Öffentlichkeitsarbeit für die Kultfabrik und koordiniert dort Ausstellungen in der whiteBOX.

Organisator von Konzerten und ab Frühjahr 2006 Programm-Macher im Kulturzentrum EINSTEIN. Wos wüst mera?


Elementarteilchen am Buffet

Neueste Nachrichten aus der Wüstenei

 

I

Ich stehe an der Zielgerade. Neben mir der Inbegriff neuer Weiblichkeit. Die Tangareißleine auf Arschgeweihhöhe getrimmt, Bauchnabel gepierced, T-Shirt bauchfrei, knapp unter die linke Achsel geklemmt, blassblaues Täschchen, Aufschrift T-Shirt: Replay. Die Pferde galoppieren in die Zielgerade. Der Rasen vibriert unter den Hufen. Ein anschwellendes Donnern.

Die Arschgeweihtusse brüllt in ihr Handy und übergießt die Umstehenden mit ihrem Beziehungsdreck. Ich verdrücke mich unter portionsweiser Abgabe einer vergasten Currywurst.

 

II

Am Königsplatz versammelt sich Münchner Kultur-Biomasse unter dräuenden Wolken, um sich ein symphonisches Werk der Romantik zu geben. Es ist 17.00 Uhr,

man flaniert auf die lagerartig befestigte Freifläche zu mit Dinnerjacket und Kaminröcken, um sich vom „Saalschutz“ der Open Air-Securityfirma abtasten zu lassen.

Man bewegt sich sonntäglich gemessen, die bauliche Umgebung plus celestem Wolkenmixangebot mit ruhigen Panoramakopfbewegungen abtastend, wohlwollend, dennoch mit leichter Ironie.

Dieses Looki-Looki-Flanieren hat man bei Vernissagen eingeübt, gerne unterbrochen von seitlich leicht verdrehtem Herabbeugen zu Info-Makulatur, die auf dem Blindfleck eines sich weiter inszenierenden Hirns beiläufig durchgemischt wird.

Bei höheren Temperaturen empfiehlt es sich allerdings heutzutage, gerade wenn man weiteres Textil angelegt hat, sich gemessen zu bewegen. Bewegt man sich indes in einem von abstrakter Terrorgefahr geprägtem öffentlichen Ballungsraum mit ausladender Kleidung zu schnell, so wird, wie Ende Juli in London geschehen, von einem Brustschuss zugunsten des Kopfschusses abgesehen, da man ja den verdeckten Sprengstoffgürtel nicht treffen will, das ist doch klar.

 

III

Übrigens: der Londoner Polizeichef sprach angesichts des bei der Terroristenjagd fehlerschossenen brasilianischen Jugendlichen, der es nur eilig hatte zur Arbeit zu kommen, davon, dass Todesopfer immer bedauerlich seien. Dabei legte er den Kopf etwas schief, so wie das auch unser Bundespräsident so überzeugend beherrscht. Joschka Fischer hat sich da mehr das imaginäre Sauerdrops zwischen Unterlippe und Unterkiefer angewöhnt, was zu einem Gesichtsausdruck führt, der eher an Sodbrennen gemahnt. Eine ganz passable Betroffenheitsmaske auch dies.

Nachdem das Sterben von Promis oder Komapatienten heutzutage live mitzuverfolgen ist,

ist es für die Betroffmansbergers aus Politik und Medien ein Leichtes, auf diesem offenen

Feld der Sterbe-Ikonografie mimische Tableaus der Ergriffenheit zu trainieren. Bei Bomben mit unter 10 Todesopfern bleiben wir beim Gehabten: Kopf schief legen, ein bisschen nachfühlen, wie das Hirn zusammenläuft, kontrolliertes Entsetzen via beherrschtem Aufstoßen, oder einfach widerstandsbereiter Schäferhundsblick.

Bei richtig fetten Bergen von Zerfetzten nehmen wir uns eines des letzten Bilder von Johannes Paul II vor. Es war dieses von uns allen mit erregter Erschütterung konsumierte hohlwangige Luftholen, der Mund zu einem Loch geformt, aus dem der Tod schon kroch. Oder auch das todeseisige, seltsam dehydrierte Lächeln der abgeschalteten amerikanischen Komapatientin. Weniger drastisch, aber auch ein überzeugendes Suppositiv der Anteilnahme wäre es, bei einem ersten Statement das leicht angekokelte Revers des weinenden Staatsmannes zu zeigen oder eine feine Schmauchspur über Becksteins Braue. Wir wissen doch, dass dies ein Anschlag auf uns alle ist! Oder?

 

IV

Abends treffe ich mich mit Marion, die ich seit langem begehre. Wir spielen fahrig und süffisant im Geiste mit unseren Geschlechtsteilen und reden über Wahrnehmungsprobleme. Wir berichten uns den Stand unserer Selbstverwirklichung und legen in einem Pas des Deux des postmortalen Flirts unsere Handys neben den Tellern ab. Sie erzählt mir von einer kürzlich beendeten Romanze, sie fühlte sich da zu sehr auf das Eine reduziert. Ich gestehe, seit kurzem lieber zu Prostituierten zu gehen, die Illusion einer Zärtlichkeit zöge ich der absoluten Abwesenheit derselben vor. An sich sieht auch sie, dass Prostitution als Beruf anerkannt werden und zu einem Rentenanspruch führen sollte. In Neuperlach stößt ein Jugendlicher einen Rentner vor die einfahrende U-Bahn. Wir bestellen noch einen Primitivo. Zum Abschied kleine Umarmung und ein Lächeln. Ich gehe nach Hause und ins Internet. In Japan gibt es sprechende Toiletten.