J.I.M.
Jazzfest 2018
JIMpaper
Ausgabe 2009
Ausgabe 2006
Ausgabe 2005
Ausgabe 2004
Ausgabe 2003
Ausgabe 2002
Kontakt
Impressum
editorialDennerleinWalserHornsteinMüllerByromPfennigPiechotta1Piechotta2Wüst
Michael Wüst


Hundert Zeilen JAZZ

 

Was ist bloß los?! Und das schon ziemlich lange! Wovon rede ich? Wer bin ich, wie heiße ich, was sind meine grundsätzlichen Lebensziele? (Drewerman, it´s you?) Meine Telefonnummer, Hausnummer, Pinnummer, Grabinschrift, Internetzugang? Ok, ich darf also weiterboxen.

Früher, wenn die Straßenbahn losfuhr, hat´s immer so schön geklingelt. Als Boxer war man da immer erleichtert: wieder eine Runde vorbei! – Also so ein Quatsch!

Was das mit Jazz zu tun hat? Ich weiß es nicht!

Halt doch! Nein, eines muss ich schon sagen: Alle tun immer so, als gäbe es den Jazz schon immer. Eine Institution, gesichertes Kulturgut, längst in den großen Konzertsälen der Nation angekommen! Winifred Wagner würd´s heut´ bestimmt auch mögen! Deswegen gibt es ja auch längst Jazzdozenten, Swingprofessoren und das Ministerium für Jazz-Sicherheit. Nicht zu vergessen die blühende Landschaft deutscher Jazzvereine. (Wie wär´s mit dem Gütesiegel "Deutscher Jazzwein"?) Da stehen sie dann auf, einer nach dem anderen und rufen sich zu: Ja, ich bin aus dem Jazzgau Sachsen-Gotha und ein anderer steht auf und ruft, ich bin aus dem Jazzgau Elsaß-Lothringen. Nicht zu vergessen die Jazzsportgruppe Deutsch-Südwestafrika. Und alle rufen sie sich was zu (Vorstufe der E-mail) und dazwischen wuseln die Jazz-Fans. Lauter Gartenzwerge mit verrückten Bärten, dampfenden Pfeifen und nicht nahchvollziehbarer Kleidung. Oben Persianerschiffchen unten Trevira, so eine Art deutscher Folterset, einfach. Endphase Coltrane wimmert aus deutscher Eiche. Trittsicher in allen Biographien, das legendäre Solo von dem Parker Kalle in zwanzigjähriger Arbeit auswendig gelernt. Sie rennen in dieser Kulturlandschaft hin und her und wuchten schwere Pfosten in die Krume; Zäune, Jägerzäune, scharf geschliffener Buchs, Hecken wie Rasierklingen. Jeder gegen Jeden und Jazz gegen alle. So ist das bei uns! Böse, gallige Hobbyistenzwerge seid ihr! Ihr Synkopen-Philister und Jazzgelehrte! Ihr Natterngezücht!

Im Ernst: Bitte nicht nur Tempelhaftigkeit, Epochengezänk, Stilintrigen und noch mehr Institute! Am Ende unterrichten Jazzmusiker nur noch Jazzmusiker, die Jazzmusiker unterrichten! Und einmal im Jahr im Hoftheater vor Kulturreferent, Kritiker, Winifred Wagner und Allianz-Managern auf das Gepflegteste abhotten. Endlosschleife deutschen Kultur-Beamtentums. Grausamer als Kafka, Satie und Albert Ayler zusammen. Verwaltung, die dereinst nur noch die Aufgabe wahrnimmt, sich selbst zu ernähren. Das dürfen wir nicht verinnerlichen! Das darf uns nicht vereinnahmen! Gebt dem Jazz die Anarchie zurück! Seid rostig, seid räudig, seid sexy und trinkt! Reißt den Tempel ein und baut auf seinen Ecksteinen den Club!

Grüßgott ich bin ein Neuer im Vorstand der J.I.M. Michael Wüst, mein Name. Ich muß weiter, die Straßenbahn hat geklingelt.